Ein augeräumter Arbeitsplatz

Ist ein Arbeitsplatz, der im Chaos versinkt, ein Hinweis auf einen kreativen Geist?
Oder ist das Chaos generell ein Zeichen dafür das dort was gearbeitet wird?

Oder könnte ein aufgeräumter Arbeitsplatz ein Hinweis auf einen wohlstrukturierten Geist sein?
Kann man vielleicht sogar mit Hilfe eines aufgeräumten und sauberen Arbeitsplatzes seine Gedanken uneingeschränkt auf die Dinge konzentrieren, die wichtig sind?

Ein Gedankenspiel: Worauf achtet man, wenn man in ein Krankenhaus geht und den OP-Saal besichtigt? Angenommen dieser ist voll mit Blut, weiteren Rückständen vorhergegangener Operationen und alle chirurgischen Instrumente liegen kreuz und quer herum. Danach hat man das Gespräch zu seiner bevorstehenden OP. Der Chirurg ist nett und erzählt er wäre einer der Besten in seinem Fachgebiet … würdet Ihr das glauben? Würdet Ihr euch dort operieren lassen? Irgendwas scheint da doch offensichtlich schief zu laufen, wenn es dort so aussieht.

Der erste Eindruck zählt!

Ein Elektroniklabor, das im Chaos versinkt, wird höchstwahrscheinlich nicht in der Lage sein die erforderlichen Tests fehlerfrei durchzuführen. Oder die Protokolle und Dokumentation korrekt und vollständig zu erstellen. Die benötigte Arbeitszeit wird höher liegen, weil ständig nach etwas gesucht werden muss. Vielleicht muss sogar an manchen Stellen improvisiert werden, weil etwas nicht aufzufinden ist. Ist das etwas, was der Kunde bezahlen möchte? Oder womit man seine eigene Lebenszeit verschwenden möchte?

Wenn man einen potentiellen Kunden oder Auftraggeber einlädt, um einen Auftrag zu besprechen, dann möchte sich dieser einen ersten Eindruck von euch verschaffen. Und dies unabhängig davon, ob er eure Arbeit schon kennt oder nicht. Es gibt eine persönliche Ebene, die dann mit eurer Person verbunden wird. Er mag zwar denken "Sein Produkt xy ist sehr gut." Aber wenn er euren unaufgeräumten Arbeitsplatz sieht denkt er auch "Aber der Typ ist wirklich ein Chaot!"
Und Vertrauen zu einer Person und seiner (Dienst-)Leistung bildet sich immer auf der persönlichen Ebene!

Es gibt noch andere handfeste Vorteile eines aufgeräumten Arbeitsplatzes:

Man findet seine Sachen schneller
Man benötigt zum Beispiel für eine Schaltung 30 Bauteile, die man zusammensuchen muss. Und durch Unordnung und ein unübersichtliches Komponentenlager muss man bei 15 Bauteilen im Schnitt 3 Minuten suchen, während man die andere Hälfte der Bauteile sofort gefunden hat. Dann hat man 45 Minuten Zeit vergeudet. Dazu kommt noch Zeit um die Prüfspitzen zu finden und die Ersatzbatterien für das Hand-Multimeter. Entweder sind das 45 Minuten, die der Kunde nicht zahlen möchte, oder es sind 45 Minuten, die Ihr am Abend später nach Hause kommt und nicht mit der Familie verbringen könnt.
Oder für die Singles unter uns: weniger Zeit für Star-Trek, Bier und Freizeit.

Der Geist beschäftigt sich mit der Arbeit
Wenn man nicht abgelenkt wird durch Suchen und Nachdenken, wo etwas ist, dann bleibt der Geist im flow. Wenn man in etwas eintaucht, so kreisen die Gedanken um die Tätigkeit, die man ausführt. Man analysiert ein Problem und überlegt welche Implikationen sich durch etwas ergeben. Dies geschieht in einer Hälfte des Gehirns. Greift man nach etwas, von dem man genau weiss wo es ist, dann wird der Denkfluss nicht unterbrochen. Das eigentliche Greifen wird von der anderen Gehirnhälfte erledigt. Wenn aber etwas gesucht werden muss, so geschieht das Nachdenken darüber, wo es sein könnte, in der gleichen Gehirnhälfte, die sich vorher mit dem Problem beschäftigt hat. Denn nun habt Ihr ein neues Problem: "Wo ist die Prüfschnur geblieben?"
Dann seid Ihr aus dem flow heraus und es dauert durchschnittlich 5 bis 15 Minuten bis Ihr wieder im flow seid. Auch hier geht also viel Zeit verloren, in der Ihr nicht weiter kommt. Aber es ergibt sich noch ein schlimmeres Problem … die Fehler!

Die Fehler
"Fehler passieren" heisst es immer. Aber warum? Und wie oft möchte man den gleichen Fehler immer wieder machen? Wenn Ihr den Gedankengang zu einem Problem ständig unterbrechen müsst, weil Ihr abgelenkt werdet, dann verliert Ihr auch wichtige Gedanken. Diese verlorenen Gedanken hätten euch vlt. auch auf eine wichtige Sache bringen können und einen Grund finden lassen können, die eine Ursache für eine spätere Fehlfunktion oder ein Problem ist.
Wenn sowas passiert, denkt man oft "Ich hätte besser aufpassen sollen." Wenn der Fehler aber mit euren vorhandenen Wissen und Können nicht hätte passieren dürfen, dann solltet Ihr euch besser sagen "Ich hätte mich nicht ständig ablenken lassen sollen."

Wohlfühlfaktor
An einem Arbeitsplatz der sauber, hell und aufgeräumt ist, kann man kreativer sein. Man findet seine Sachen, man hat immer Platz mal was hinzustellen, man kann durchatmen, man fühlt sich wohl. Warum soll man freiwillig an einem Platz arbeiten, bei dem die Berufsgenossenschaft und die Fachkraft für Arbeitssicherheit die Hände über den Kopf zusammenschlagen würden? Die wie Sklavenhaltung aussieht?
Es ist womöglich euer Hobby in eurer Freizeit. Eigentlich eine Tätigkeit in einer Umgebung in der man sich erholen möchte.
Ist es nicht schöner, wenn einem die Arbeit einfach so von der Hand geht, man zügig fertig wird und man zufrieden abends Schluss machen kann? Oder man eine schöne Zeit mit seinem Hobby verbringen konnte? Mit einem Gefühl der Zufriedenheit, weil alles reibungslos geklappt hat?

Kreativität an der richtigen Stelle
Wenn man etwas nicht auffinden kann, oder im Chaos Dinge verloren gehen, dann muss man improvisieren. Das ist eine sehr gute Fähigkeit, aber man sollte sie da einsetzen, wo sie benötigt wird. Bei der Problemlösung. Nicht bei der Lösung selbst gemachter Probleme, die auf Unordnung basieren. Das ist verschwendete Energie und verschwendete Zeit.

Der erste Eindruck
Wenn man Leute in sein Labor einlädt und diese sehen einen aufgeräumten Arbeitsplatz, so vermittelt ihnen das einen ersten Eindruck. Sie können euch im Zweifelsfall nur anhand der äußeren Eindrücke einordnen. Und dazu gehört, weil es bei dem Besuch am Arbeitsplatz oder im Hobbyraum um eure Tätigkeit dort geht, nunmal auch der Zustand eures Arbeitsplatzes.
Ein mit dem Arbeitsfeld vertrauter Fachmann wird zwar anhand der Werkzeuge und Geräte einen Eindruck bekommen mit was Ihr euch beschäftigt, aber jede andere normale Person kann sich nur auf eine oberflächlichere Betrachtung stützen. Und dieser Eindruck entscheidet, ob Ihr ernst genommen werdet, oder ob ihr einen Auftrag erhaltet oder nicht.

Die Qualität
Ein strukturierter und aufgeräumter Arbeitsplatz ist nicht zwingend nötig um die Arbeit erledigt zu bekommen, weil diese oft nicht direkt davon abhängig ist. Viele Leute tendieren dazu, dies zu vernachlässigen. Dies führt zu Verletzungen, zu unterbrochenen Arbeitsabläufen, zu Fehlern, etc.
Ein Geist, der sich auch Gedanken zur Arbeitssicherheit macht, strukturiert Arbeitsabläufe unter einem anderen Gesichtspunkt. Eine Arbeit, die nicht ständig durch Kleinigkeiten unterbrochen wird, ist von höherer Qualität. Dies spart Zeit, macht zufriedener, ist sicherer und reproduzierbar. Eine qualitativ hochwertige Arbeit ist auch gut dokumentiert und kann lückenlos dort weitergehen, wo sie unterbrochen werden musste. Diese vielen Kleinigkeiten drumherum - Ordnung halten, Sauberkeit am Arbeitsplatz, eine gute Beleuchtung, vollständige Dokumentation - erscheinen auf den ersten Blick als Zeitverschwendung. Am Ende führen diese indirekten Maßnahmen und Gewohnheiten aber zu einem reproduzierbaren Erfolg bei der Arbeit und zu Ergebnisse die auch andere Leute begeistern können.

Manche Leute sagen, ein aufgeräumter Arbeitsplatz zeigt nur, das dort nichts gearbeitet wird. Das ist schlichtweg falsch. Ein Arbeitsplatz an dem gearbeitet wird, an dem in einer Entwicklungs- und Testphase auch mal Chaos und Unordnung entsteht, sieht immer aus, als wenn dort was gearbeitet wird. Auch wenn er aufgeräumt ist. Es wird immer mal ein Multimeter herum liegen, noch einer Platine des letzten Projektes auf dem Tisch liegen oder die Geräte und Werkzeuge sehen einfach benutzt aus. Jeder hat seinen Lieblings-Schraubenzieher oder Zange, mit der er am liebsten arbeitet und die auch so aussieht. Die Arbeitsunterlage ist abgewetzt, der Schwamm in Lötkolbenhalter hat Brandflecken und zeigt seine Nutzung. Solche Sachen zeugen immer davon das dort was gearbeitet wird. Egal ob es aufgeräumt ist oder nicht.

Ein Hobby-Bastler muss sich weniger Gedanken um sowas machen, als ein Selbständiger, der auf Kunden angewiesen ist. Aber in letzter Konsequenz geht es um eure Lebenszeit, Gesundheit und euren Spaß am Hobby (oder an der Arbeit).